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Zwei Teile der Schreibmaschine,
auf der Walter Benjamin sein berühmtes Essay
"Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" schrieb

 

Entdeckt wurden diese Teile am 10. Juni 1994, in der Böhmischen Straße 33 in Dresden. Identifiziert wurden sie unter Mithilfe des Herrn K. Britschka, ehemaliger Schreibmaschinenreparaturmeister (heute Rentner).

Benjamins Schreibmaschine, eine Reiseschreibmaschine, ging kaputt, klemmte, als er auf einem Kurzbesuch in Dresden war. Er quartierte sich für 4 Tage im Hotel Neustädter Hof ein. Bei diesem Zwischenhalt in Dresden, er war auf dem Weg nach Wien, um sich mit Karl Kraus zu treffen, besuchte er am ersten Abend Mary Wigman, um etwas über Tanz zu erfahren. Am zweiten Abend traf er wieder mit ihr zusammen, um sich Ludwig Kirchner vorstellen zu lassen, der einige Tage Mary Wigman besuchte und um anschließend, inspiriert von diesem Besuch, auf seiner Schweizer Alp das wunderschöne dynamische Ballettänzerinnen Bild zu malen.

Tagsüber schaute sich Benjamin die üblichen Sehenswürdigkeiten Dresdens an und schrieb an seinem Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" weiter. Mitten im Satz des VIII. Kapitels blieb in der Buchstabenfolge Ka bei dem Buchstaben a die Schreibmaschine stehen, das Farbband klemmte.

Wie wir heute wissen, hieß das Wort "Kamera".

Er brachte seine Schreibmaschine in der Dresdner Neustadt in der Böhmischen Straße 33 bei einem Schreibmaschinen-Schnelldienst zur Reparatur. W. Benjamin vergaß, die angefangene Seite herauszudrehen.

Nach 2 Tagen, als er seine Schreibmaschine abholen wollte, wurde ihm erklärt, daß die Reparatur länger dauern würde, er hätte ein englisches Modell (eine Remington Portable), und die Ersatzteile, Muttern für die Farbbandbefestigung, müßten erst bestellt werden. Er könne aber für einen Aufpreis von 25.- Mark eine generalüberholte Adler Transport bekommen. Er willigte ein und nahm die neue Schreibmaschine mit, wie auch seine bereits vermißte Manuskriptseite.

Er schrieb auf dem Papier mit der neuen Schreibmaschine weiter. Im Benjamin-Archiv in Berlin kann man anhand der Orginalmanuskripten sehen, daß ab dem Wort Kamera ein neues, anderes Schriftbild anfängt, die Buchstaben sind etwas größer, wie auch die Zeile verrutscht. Das angefangene Ka strich er.

Für den damals gerade 16-jährigen Sohn des Besitzers des Schreibmaschinen-Schnelldienstes war es ein großes Ereignis, einen echten Schriftsteller kennengelernt zu haben. Er las das Manuskript, prägte sich den Namen und die Zeilen ein und kaufte sich später Schriften und Bücher von W. Benjamin und fand die Stelle seiner Jugenderinnerung wieder.

Die Schreibmaschine wurde nie repariert, sie stand als Demonstrationsstück in der Werkstatt, rottete vor sich hin.

In dem Haus war später eine Schreibmaschinen-Manufaktur eingerichtet. Herr Britschka war dort nicht tätig, wohnte aber weiterhin in der Böhmischen Straße, der Straße seiner Kindheit.

1979 wurde der Betrieb geschlossen, das Haus dem Verfall und Vandalismus ausgesetzt.

1995 kurz vor dem vollständigen Abriß, war das Gelände durch eine schöne Installation der Künstlerin Lubisc der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Herr Britschka besuchte das Gebäude und identifizierte die Fundstücke als eindeutig der Schreibmaschine des Herrn W. Benjamin zugehörig; denn die 2 Einhakungen und 10 Einrastungen hat keine deutsche Schreibmaschine bis heute, das haben nur die englischen wegen des th und den fehlenden Umlauten. Es sind typische Zacken einer alten Remington Portable.