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13 Beiträge zur Memminger Geschichte - eine Intervention

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Aus der Geschichte der Turnbewegung von Memmingen
und über den Ursprung der Redensart „Das hat einen langen Bart“,
die in ganz Deutschland verstanden wird



Halb Memmingen versammelte sich am 10. August 1939 am Bahnhof, um Ebba Hämering (*1915) zu empfangen. Ebba. Hämering war als 18-jähriges Mädchen eine der 600 Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Stockholmer Lingiade, dem ersten Weltgymnastikfestival und wurde in der Kategorie Schwebebalken mit der Goldmedaille ausgezeichnet. 1940 wanderte Ebba Hämering ungern nach Argentinien aus, sie und ihre Familie sahen sich wegen mangelnder Begeisterung am Nationalsozialismus starken Repressalien ausgesetzt.

Ebba Hämering war die Ur-Enkelin von Tindra Persdotter, die 1815 den Memminger Kaufmann Herbert Hämering 20-jährig ehelichte. Tindra Hämering lernte bereits 1811 in Stockholm das Geräteturnen, sie war eine der ersten Schülerinnen des Herrn Per Henrik Ling (1776 – 1839), Pionier der schwedischen Turner- und Gymnastikbewegung, der 1813 das weltweit erste „Zentralinstitut für Heilgymnastik und Massage“ gründete. Tindra Persdotter musste sich eine Sondergenehmigung für ihre Teilnahme an Linds Kursen ausstellen lassen, wobei ihr die Teilnahme an den Massagekursen strikt untersagt wurde.
Eine der ersten Aktivitäten von Tindra Hämering in Memmingen war die Gründung eines Turn- und Gymnastikvereins. Dieser Verein aus jungen Burschen und einigen aufmüpfigen jungen Frauen in Hosen trafen sich gegenüber dem Hexenturm, um unter freiem Himmel gymnastische Übungen auszuführen und an den an Bäumen angebrachten Turngeräten Klimmzüge und Reckübungen zu machen.

In Deutschland wurde die Tunbewegung von dem Deutschnationalen, Umstürzler und Sprachbereiniger Friedrich Ludwig Jahn (1778 - 1852), Turnvater Jahn genannt, angeführt. Er war wie Per Henrik Ling in Stockholm aus tiefem Herzen antinapoleonisch, aber im Gegensatz zu Per Henrik Ling sah er in den Turn- und Gymnastikübungen weniger den heilenden, integrativen Aspekt, sondern betonte den muskelaufbauenden Charakter. Für Jahn waren Turnbewegungen die Vorbereitung des deutschen Körpers auf kommende Kriege, Befreiungskriege zur Einheit eines Großdeutschlands. Seine dezidierten politischen und aufrührerischen Schriften und Reden führten dazu, dass F. L. Jahn 1819 verhaftet und das Turnen generell verboten wurde. Die Turnanlagen wurden abgebaut und Mitglieder der Turnbewegung, wie die ihm nacheifernden Burschenschaften, polizeilichen Repressalien ausgesetzt.

In Bayern wurden die Jahnschen Anlagen ebenfalls abgebaut und das Turnen verboten. Der Turn- und Gymnastikverein in Memmingen gehörte zu den wenigen, die nicht geschlossen wurden, weil er nicht den Gedanken und Prinzipien des Turnvaters Jahn nacheiferte, sondern bei ihm die Gymnastikübungen des Per Henrik Ling im Vordergrund standen und er dadurch als nicht politisch umstürzlerisch betrachtet wurde.

Während dieses anhaltenden Turnverbots trafen sich langbärtige, junge Herren, so ihren Übervater Jahn nachahmend, er trug den längsten aller Bärte, und veranstalteten geheime und verborgene Turnwettbewerbe. Sie zogen von Stadt zu Stadt, trafen sich mit Gleichgesinnten in dunklen Spelunken und tiefen Wäldern, übten gemeinsam die neuesten Leibesübungen und besprachen politische Umsturzpläne zur Einigung Deutschlands.

Sie erfuhren, dass es in Memmingen einen unverbotenen Tunverein gab und 1921 kamen einige dieser aufrührerischen Burschen mit den langen Bärten nach Memmingen. Sie waren sehr irritiert als sie als Sprecherin des Vereins eine Frau antrafen. Ihr Übervater Jahn forderte zwar ausdrücklich, dass auch Frauen beim Turnen und bei der Gymnastik mitmachen sollten, aber als Vorsitzende, davon sprach er wirklich nicht. Als sie dann Tindra Hämering und ihrem 27-köpfigen Turnverein etwas vorturnten, meinte Tindra Hämering nur: „Eure Jahnschen Übungen sind ja für lange Bärte gemacht“, damit meinte sie, dass man mit solchen langen Bärten keine modernen Übungen machen könne. Sie und ihre Mitturner zeigten dann den Jahnschen Schülern ihre Übungen und turnten ihnen etwas vor, wobei tatsächlich bei diesen Übungen ein langer Bart sehr hinderlich gewesen wäre.

Kleinlaut und nachdenklich zog die Gruppe der Jahn-Anhänger weiter und erzählte überall, wie man in Memmingen schwedische Leibesübungen mache, dass dabei ein langer Bart störe, dass sich ein solcher nämlich am Gerät verhaspeln könne und dass diesen Übungen wohl die Zukunft gehöre. So bürgerte sich die Redensart „Das hat einen langen Bart“ in die deutsche Sprache ein.

Am Ende des 19 Jahrhunderts bauten die Memminger Stadtväter an dieser Stelle eine Turnhalle. Anfangs hieß sie „Ling-Halle“, aber weil der Name so unpatriotisch war, wurde sie einfach „Turnhalle am Ratzengraben“ genannt. Im Frühjahr 2006, als die jetzige Renovierung abgeschlossen wurde, erinnerten sich einige dieser Geschichte und es gab vermehrt Stimmen in der Stadt, die der Turnhalle ihren alten Namen „Ling-Halle“ zurückgeben wollten und ganz besonders Frauen machten sich dafür stark, dass man sie „Tindra-Persdotter-Halle“ nennen solle.

Literatur:
H. Sjöberg, Die schwedische Gymnastik- und Massagebewegung. Berlin, 2005.
H. Killinger, Turnen in Memmingen. In: Blätter zum Körper. Mannheim, 1976.
K. J. Liedtke, Übungen zum bewegten Rücken. Berlin, 1924.