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13 Beiträge zur Memminger Geschichte - eine Intervention

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Das Brabanter Schwanenessen im Schwanen
oder
über Belege, dass Jheronimus Bosch auf seinem vermeintlichen Weg nach Italien
bis Memmingen kam und dort einem Schwanenessen beiwohnte und dieses malte



Die Brabanter Handelsvereinigung eröffnete im Frühjahr 1497 auf Vermittlung der Antonier in Memmingen eine Handelsniederlassung. Jan Bachx (1458 – 1510) aus der Stadt ´s-Hertogenbosch (Nord-Brabant, heute Niederlande), vertrat fünf Jahre lang die Geschäftsinteressen der Brabanter Kaufleute in Memmingen. 1501 vermittelte er auch die Memminger Verhandlungen zwischen Vertretern der Hansestädte und der Familie Fugger (siehe Tafel 3). Jan Bachx war geschworenes Mitglied der religiösen Bruderschaft „Unserer-Lieben-Frau“ und war daher verpflichtet, regelmäßige Essen abzuhalten. Ob es in Memmingen noch andere Mitglieder der Bruderschaft gab, ist nicht bekannt. Die strengen Vorschriften der Bruderschaft verlangten , dass ein jeder monatlich ein großes Essen für seine Mitbrüder ausrichten, dreimal wöchentlich der Messe beiwohnen und zu feierlichen Anlässen eine Art ziviles Mönchsgewand tragen musste.

Es gab verschiedene Staffelungen der Angehörigkeit zur Bruderschaft. Das sich bewerbende Mitglied, das einfache Mitglied, die Kandidaten und zum Schluss die Geschworenen, die besonders strenge Auflagen einhalten mussten. Wenn Mitglieder dieser Bruderschaft abwesend waren, galten für sie andere Regeln als zu Hause. Sie konnten sich so den Eigenarten des Gastlandes, des Gastgebers, anpassen und flexibel auf das Vorgegebene eingehen. Ein festes Muss war aber, dass sie regelmäßig Essen abzuhalten, zur Messe gehen und am 28. Dezember, dem Tag der unschuldigen Kinder, ein großes, üppiges Festessen zu geben hatten. Den Neuen Regeln des Ordens gemäß musste ab 1458 unter anderem auch ein Schwan gereicht werden.

Jan Bachx lud in all den Jahren am 28. Dezember wichtige Vertreter der Memminger Bürgerschaft zu einem stattlichen Essen ein, wie aus den akribisch geführten Berichten an die Brüderschaft nach ´s-Hertogenbosch hervorgeht. In all den Jahren wurde das Mahl in diesem Gasthaus gegeben, in all den Jahren wurde ein junger Schwan von den Kartäuser-Weihern bei Buxach serviert, sodass das Gasthaus schnell den Hausnamen „Zum Schwanen“ erhielt.

Ein verbriefter, außerplanmäßiger Anlass für ein solches Schwanenessen war der 3. Juni 1499, der Tag des Patrons des Weines, des Hl. Moranius, und der Burgunder-Traube, des Weines, den Jesus bei der Hochzeit von Kana vermehrt hatte.
Das Außergewöhnliche an diesem Tag war, dass Jan Bachx einen Mitgeschworenen zu Besuch hatte, einen alten Freund aus ´s-Hertogenbosch, den Maler Jeroen van Aken, genannt Jheronimus Bosch.

Jheronimus Bosch war unterwegs nach Italien und besuchte unterwegs andere Brüder der Bruderschaft. Ob er wirklich bis nach Italien kam, ist bei Kunsthistorikern bis heute umstritten. In keinem seiner Werke ist ein Einfluss der in Italien verbreiteten Renaissance zu sehen, wenn er dort gewesen wäre, muss ihn die neue Kunstform dort nicht besonders beeindruckt haben.
Dass er aber in Memmingen war, ist auf seinem berühmten Bilde „Die Hochzeit von Kana“ zu sehen. Auf diesem Bild ist ein traditionelles Memminger Schwanenessen abgebildet. Dem gegarten Schwan wurde sein Balg wieder übergezogen, in seinen Schnabel auf dem aufgerichteten Hals wurde Branntwein geschüttet und dieser beim Servieren angezündet, eine damals übliche Form im Memminger Schwanen, einen Schwanen zu servieren. Für Jheronimus Bosch war die Sache mit dem Branntwein neu, in ´s-Hertogenbosch steckte man dem Schwanen nur eine gelbe Rübe in den Schnabel, die das Feuerspucken andeuten sollte. Dass sich die später von ihm gemalte Szene in Memmingen abspielt, sieht man an der Aussicht aus dem Fenster: Es ist der Blick aus dem ehemaligen Festsaal des heutigen Gasthauses „Zum Schwanen“ zur Gasse der Dreikönigskapelle hin, der heutigen Straße „An der Kapel“. Darüber hinaus stellt der abgebildete Schrank eine typische Meisterarbeit des Memminger Schreinermeisters Alberius Hahn dar.

Wie lange Jheronimus Bosch in Memmingen blieb, ist nicht überliefert.
Am 10. März 1510 richtete Bosch zu Ehren des verstorbenen Jan Bachx in seinem Hause ein Essen aus, bei dem es wegen der Fastenzeit keinen Schwanen gab, aber ansonsten fiel das Essen mit fünf Fischgängen auch recht üppig aus.


Literatur:
G. Unverfehrt, Wein statt Wasser. Göttingen, 2003.
M. Tubert, Rezepturen für großes Geflügel. Hamburg, 1984.
T. Völlär, Essen und Trinken im Mittelalter. Köln, 1974.
R. Lieblig, Süddeutsche Holzarbeiten des 15. und 16 Jahrhunderts. München, 1969.


1952