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13 Beiträge zur Memminger Geschichte - eine Intervention

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Im ehemaligen Hinterhaus dieses Hauses befand sich die Werkstätte
des genialen Tüftlers Johann Bräuerle.
Er experimentierte von 1860 bis 1862 mit einem fahrbaren Elektromoto
r,
der als Eisenbahn von Neu-Ulm nach Memmingen verkehren sollte


Als sich die Memminger Bürger 1861 entschlossen, die von der bayerischen Regierung eingerichtete verkehrstechnische Isolierung zu durchbrechen und die immer wieder geforderte Eisenbahnlinie Neu Ulm – Memmingen - Kempten selbst zu finanzieren, machte der erst 24-jährige junge Memminger Ingenieur Johann Bräuerle (1836 – 1915) den Vorschlag, die Vorzüge der neu entwickelten angewandten Elektrizität zu nutzen.

„…Wenn die Eisenbahn im Illertal verläuft, kann man die Kraft der Iller verwenden, um die Bahn anzutreiben. Man kann vollkommen auf die aufwendige, übelriechende Kohle verzichten. Man muss nur die Kraft der Iller aufnehmen, sie fließt verschwenderisch in riesigen Mengen das Tal hinab, man muss diese Kraft umleiten und auf die Bahn übertragen. Ähnlich wie ein Lastenaufzug, in dem die nach unten ziehende Kraft am anderen Ende die Last nach oben zieht. Wenn man nun auch noch die Flaschenzugtechnik benützt und auf die Bahn überträgt, wird die Kraft der Iller verzigfacht.…“schrieb Johann Bräuerle in einem Schreiben an die Stadt Memmingen.

Die Möglichkeit, der Iller diese Kraft abzuringen, wäre durch die Verwendung der Elektrizität möglich. Man müsse in regelmäßigen Abständen die Illerkraft in Elektrizität umwandeln und der Bahn zuführen. Die Strecke dürfe maximal in einem Abstand von vier Kilometern zur Iller gebaut werden, dann könne kontinuierlich die elektrische Kraft der Iller über Drahtseile auf den Elektromotor, der die Eisenbahn in Bewegung setzt, zugeleitet werden.

Bräuerle verwies als Reverenz auf Johann Philipp Wagner, der schon 1840 in Frankfurt am Main einen funktionierenden Schienenwagen mit Elektroantrieb entwickelt und auf den Amerikaner Charles Grafton Page, der schon vor zehn Jahren einen Elektrowagen verfertigt hatte, der 30 Tonnen zog. Alle diese Pioniere hätten das gleiche Problem: Das Problem der Konservierung der elektrischen Kraft, ein Batterieproblem. Dieses aber entfalle hier und dies sei das absolut Neue, da ständig neuer Strom aus der Iller gewonnen würde und über Eisendrähte die Maschine speise. In seinem Schreiben ließ Bräuerle sich dann noch auf die neuen Dampfmaschinen ein, dass sie ein Auslaufmodell seien, dass sie bald überholt und überall durch die neuen Elektromotoren ersetzt werden würden.

Ein Teil des Memminger Eisenbahnkomitees war von dieser elektrischen Idee sehr angetan, so könne man es den Münchnern zeigen, dass die Memminger die Innovativsten und dass die Isolierungsphantasien nichts anderes als Phantastereien seien. Memmingen werde das Zentrum der Elektrifizierung werden, schwärmten sie, die Strecke Neu-Ulm - Memmingen nur eine kleine Probestrecke für das, was daraus entstehen werde. Man denke doch nur an die erste Eisenbahn Nürnberg - Fürth, wer dachte damals, dass das mehr als eine Spielerei sei, man bedenke auch den Siegeszug der Dampfmaschine, die nun aber abgelöst werde durch den Sieg des entwickelten Elektromotors.

Das entscheidende Argument gegen die Elektrifizierung war aber die berühmte schwäbische Pragmatik und Sparsamkeit. Die Dampflokomotive sei zehnmal billiger, die Elektrolokomotive noch nicht einmal gebaut, der Strom aus der Iller noch nicht gewonnen. Die Elektrifizierung würde das Projekt verlangsamen und verteuern, man brauche die Eisenbahn jetzt und nicht morgen oder übermorgen, die vorhandenen 3,5 Millionen Gulden seien nur für den Dampf da und bitte keine Experimente.
So blieb der zukunftweisende Traum von Johann Bräuerle für diesen ein Traum.

Er schickte seine ganzen Entwürfe, Zeichnungen und Berechnungen nach Berlin, um von dort eine Machbarkeitszustimmung zu erhalten. Nachdem er ein Jahr nichts aus Berlin gehört hatte, wanderte er 1865 nach Amerika aus (siehe Tafel….).

Erst 1879 sollte dann die erste funktionierende Elektrolokomotive vorgestellt werden. Es war Werner von Siemens, der sie in Berlin der staunenden Öffentlichkeit präsentierte und zum Patent anmeldete. Dass er die Unterlagen für den Bau dieser Elektrolokomotive 15 Jahre zuvor zugespielt bekommen hatte, wobei man ihm sagte, sie seien von einem jungen süddeutschen Ingenieur, der nach Amerika ausgewandert sei, dass er die Aufzeichnungen jahrelang nicht ernst genommen, sie aber immer wieder studiert hatte, um dann doch eines Tages eine Maschine nach eben diesen Plänen zu bauen, das erzählte er niemandem, er vernichtete jeglichen Hinweis auf sie.


Literatur:
P. Hoser, Die Geschichte der Stadt Memmingen, Band 2. Stuttgart, 2001 .
Institut für die Wiederherstellung vernichteter Dokumente. Mitteilungsblatt 128. Berlin-Dahlem, 1975.
S. Weggeher, Vom Schwund tüchtiger Schwaben und die Entdeckung Amerikas. Stuttgart 1978.
Z. Gildenmayer, Die Elektrifizierung Deutschlands. Berlin 1967.