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13 Beiträge zur Memminger Geschichte - eine Intervention

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Friedrich Nietzsche (1844 - 1900)
nächtigte in diesem Gasthaus vom 12. auf den 13. April 1883
und wurde auf dem Memminger Marktplatz wesentlich inspiriert


3. Als Zarathustra in die Stadt kam, die an den Wäldern liegt, fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war verheißen worden, dass man einen Seiltänzer sehen sollte. …“

Diese Zeilen aus dem Hauptwerk des umstrittenen großen Philosophen Friedrich Nietzsche verweisen auf seinen Aufenthalt in Memmingen. Nietzsche stieg am 12. 4. 1883 um 10.11 Uhr im neu gebauten Memminger Bahnhof aus und quartierte sich im hiesigen Gasthaus Lamm ein.

Nietzsche fuhr mit der von Memminger Bürgern selbst finanzierten Eisenbahn Neu Ulm -Memmingen – Kempten, über die viel in den Zeitungen berichtet wurde, weil er für alle Neuerungen ein großes Herz hatte. So schrieb er als erster Philosoph mit einer Schreibmaschine und löste dadurch eine bis heute anhaltende Debatte aus, ob die Schreibmaschine in seinem Werk lesbar sei, d. h. ob sein Werk ohne Schreibmaschine anders ausgefallen wäre.

Bei seinem ersten Spaziergang durch Memmingen stellte Nietzsche fest, dass auf dem Marktplatz ein Seil gespannt war, auf dem eine angekündigte Seiltänzerguppe ihre Kunst einem staunenden Publikum darbieten wollte.Um 14 Uhr gesellte sich Friedrich Nietzsche unter das sich zahlreich versammelte Publikum auf dem Marktplatz.

6. Da aber geschah etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte. Inzwischen nämlich hatte der Seiltänzer sein Werk begonnen; er war aus der kleinen Tür hinausgegangen und ging über das Seil, welches zwischen zwei Türen gespannt war, also, dass es über dem Markte, dem Brunnen und dem Volke hing. …“

Der Auftritt elektrisierte ihn. Der Mut, die Unabdingbarkeit des Tuns, der Wille zur Gefahr und diese siegreich durchzustehen, das Alleinsein des Akrobaten auf dem Seil, der Abgrund unter ihm, das waren Dinge, mit denen auch Nietzsche sich beschäftigte, er hatte sich zum Ziel gesetzt, das Undenkbare zu denken, die Grenze des Bisherigen, Abgesicherten zu durchschreiten, er fühlte sich dem Seiltänzer also sehr nah und verbunden. Doch dann geschah das Unerwartete, aber ständig Mögliche: Die Möglichkeit, die nicht eintreten durfte, trat ein.

6. …Der Markt und das Volk glichen dem Meere, wenn der Sturm hineinfährt: Alles floh auseinander und übereinander, und am meisten dort, wo der Körper niederschlagen musste.“

Friedrich Nietzsche flüchtet und fuhr am nächsten Tag weiter nach Italien, nach Rapallo, dem großen Badeort an der Riviera di Levante, 33 km südöstlich von Genua und schrieb angesichts der Memminger Erlebnisse in nur zehn Tagen den ersten Teil seines philosophischen Hauptwerkes „Also sprach Zarathustra“.

Nietzsche sprach nie über sein Memminger Erlebnis, nur ganz vereinzelt finden sich interpretierbare Hinweise auf jenes Ereignis in seinem Werk.

Das einzig Eindeutige sind die Erwähnungen seiner Schwester, die Nietzsche in den Jahren seiner geistigen Umnachtung pflegte: Elisabeth Förster-Nietzsche erzählt, dass Friedrich immer wieder „Mumminger Seiltanz“ oder auch „buff, buff, buff, Mummingen aussteigen, runterfallen“sage und sie nie wisse, was er damit meine.

Literatur:

F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Stuttgart, 1988.
K. Friedrich, Vom Lallen der Philosophie, Basel, 1958.
F. Kittler, Aufschreibesysteme 1800/1900, Paderborn, 2003.