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13 Beiträge zur Memminger Geschichte - eine Intervention

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In diesem Haus wurde Johann Bräuerle,
der Namensgeber und Mitbegründer von New Memmingen, geboren
oder
wie ein junger Mensch unverstanden seiner Heimat den Rücken kehrt,
in die Neue Welt auswandert und dort auch nicht glücklich wird


1865 entschloss sich Johann Bräuerle, dem Trend der Zeit entsprechend, dem alten Europa den Rücken zu kehren, um in die Neue Welt, nach Amerika auszuwandern. Er verließ betrübt seine Heimatstadt, die es abgelehnt hatte, seine Visionen einer Elektrifizierung der Eisenbahn in die Tat umzusetzen, enttäuscht von Berlin, wo seine Unterlagen und Pläne verschwanden und seine Nachfragen nicht beantwortet wurden (siehe Tafel…..).

Am 3. 10. 1865 schiffte er sich in Bremerhaven auf dem Auswandererschiff „Königin Luise“ ein. Auf der Überfahrt lernte er die 20-jährige, alleinreisende Annemarie Höger aus Watenbüttel, einem kleinen Dorf in der Nähe Braunschweigs, kennen und sie beschlossen, zusammenzubleiben.

In New York angekommen trugen sich beide als Herr und Frau Bräuerle, geb. Höger, in die Einwanderungslisten ein und wurden von nun an bei den Einwanderungsbehörden als Mr. John Brewer und Mrs. Anne Mary Brewer geführt.
Sieben Tage mussten sie warten, bis der ehemalige böhmische Brauereimeister aus Pilsen und jetzige Vorstand der Einwanderungsbehörde, Oskar Kaufmann, seine berühmt gewordenen und heiß begehrten Initialien O.K. auf die Dokumente von A. M. und J. Brewer setzte.
Anfangs versuchten sie, sich in der nervösen, hektischen, neu entstehenden, sich ständig neu verstehenden Stadt New York anzusiedeln. In der Unruhe der Großstadt, in ihrer Unübersichtlichkeit und ständigen Verwandlung fanden sie sich jedoch nicht zurecht.
So schlossen sie sich einem der täglich aufbrechenden Trecks in den weiten und vermeintlich leeren Westen an, um dort ihr Glück zu versuchen.

Der Treck mit 52 Personen bestand aus sieben Familien mit Kindern, ein paar Einzelreisenden und drei kinderlosen Paaren. Alle stammten aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands.
Ihr Ziel war es, am Oberlauf des Flusses Missouri eine neue Siedlung zu errichten. Sie bekamen von der Siedlungsbehörde unzureichendes Kartenmaterial und eine ungenaue Beschreibung des zugeteilten Gebietes.

Die Siedlungsbehörde verschwieg, dass sie die Gegend „Shit Dakota Country“ nannten, das dortige Land als „indianerverseucht“ einstuften und die Siedler daher vermehrt dorthin schickten, um einen gewaltigen Druck auf die unerwünschten Ureinwohner, die Dakota Indianer, auszuüben, um diese zur Aufgabe ihres Landes zu zwingen.
Nach fünfeinhalb Monaten, nach vielen unangenehmen Erlebnissen, die hier auf dieser kleinen Tafel nicht erzählt werden können, erreichte der Treck am Ufer des Missouri die Stelle, an der sie sich niederlassen wollten und sie begannen mit dem Bau einer festen Siedlung. Nach einer langen Diskussion um den Namen der Siedlung ließ man die 4-jährige Mary Higer das Los ziehen und der Zettel John Brewers mit dem Namen „New Memmingen“ wurde gezogen. Den 4. 11. 1866 gaben die Siedler als den Tag der Gründung von New Memmingen an und ließen ihre Siedlung so bei den zuständigen Stellen eintragen.

Am 24. 11. gebar Anne Mary Brewer einen gesunden Jungen, den sie Joseph, nach dem Vater Johns nannten. Es war der erste Nachwuchs der neuen Siedung und er wurde dementsprechend gefeiert.
Vier Jahre später wurde die Siedlung aufgegeben, es ist bis heute nicht geklärt, wieso und warum. Nachziehende Siedler fanden eine vollkommen leere Sieldung vor. Nichts deutete auf einen Überfall hin. Gerüchte eines Indianerüberfalls bestätigten sich nicht.

Von den Bewohnern lässt sich bis heute kaum eine Spur verfolgen, sie verstreuten sich in alle Richtungen. Es gibt im Sterbeverzeichnis von Chicago eine Eintragung eines am 17. 6. 1905 in einem Armenhaus der Heilsarmee verstorbenen John Brewers, aber ob es sich dabei um den aus Memmingen handelt, ist nicht eindeutig ersichtlich.

1872 kam es in New Memmingen zu einer Neugründung durch deutsche Siedler. 1873 wurden die Siedlung und der neu errichtete Bahnhof von der Eisenbahngesellschaft Northern Pacific Railway mit dem Namen Bismarck versehen. Man erhoffte sich von dieser Namensgebung eine Anlockung weiterer deutscher Siedler.

Bismarck ist heute die Hauptstadt des US-Bundesstaates North Dakota und ist mit seinen 45.000 Bürger ein wichtiges Handelszentrum für Weizen und Vieh und katholischer Bischofssitz.

1924 wird als Mitarbeiter des Erfinders des Wechselstromes, des genialen und bedeutenden Elektrogenies Nikola Tesla (1856 – 1943), ohne den die Elektrifizierung der Welt nicht denkbar wäre, ein führender Ingenieur mit Namen Joseph Brewer aufgeführt. Es könnte sich um den Sohn des aus Memmingen ausgewanderten Johann Bräuerle handeln.

Literatur:
M. Cheney, Nikola Tesla. Eine Biographie. Aachen 2005.
M. Gussig, Glück und Enttäuschung bei Auswanderung, Bremerhave, 1998.
J. McLindsay, Settlement History of Bismarck. Bismarck, North Dakota 1954.