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13 Beiträge zur Memminger Geschichte - eine Intervention

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Hier wohnte von 1895 bis 1997 Monika Gertenbauer
eingegangen in die Geschichte der Medizin als der „Fall Frau A.“
oder
über zuckende Gedanken und deren Blitzen

Monika Gertenbauer, geb. Kowalska, wurde 1871 in Essen geboren. Ihre Eltern waren polnische Einwanderer, ihr Vater arbeitete in der Zeche „Tief ab“ als bewährter Bergmann.
Monika Kowalska ging, was für Mädchen ihre Herkunft ungewöhnlich war, auf eine höhere Töchterschule. Ihr Interesse für soziale Belange zeigte sich sehr früh, sie war die erste Klassensprecherin ihrer Schule, betreute Säuglinge in einem neben ihre Schule liegendem Heim für gefallende Mädchen. Sie war als Kind früh selbstständig und selbstbewusst, „fast wie ein Mann“ hörte man des öfters hinter ihren Rücken murmeln.

Monika Kowalska wurde 1890 von dem Arzt Julius Gertenbauer geehelicht. Es war mehr eine Verheiratung als Heirat, denn Monika Kowalska währe viel lieber einem Kinderheim vorgestanden als, als Gattin einem eigenen Haushalt. Auf der anderen Seite konnte sie dankbar sein aus ihrem Stand heraus geheiratet zu haben, wie ihre Eltern ihr immer wieder einredeten.

Im zweiten Jahr, ihrer kinderlosen Ehe, fiel Monika Gertenbauer immer öfters in Trübsal begleitet von Stunden langem Schweigen und Vernachlässigung der haushaltlichen Pflichten.
Ihre Zustände von starkem bekümmert sein, wechselten sich ab mit panischer Betriebsamkeit wo sie ihre Wohnung neu sortierte, alle Zimmer neu gestaltete und viel redete. Sie berichtete von Gedankeneinfällen, dass diese in dem gleichen Moment in dem sie aufträten, wieder der Vergessenheit anheim fielen. Diese Einfälle, seinen oft von einem leichten, unwillkürlichem Zucken des Kopfes, der Wimpern oder der Augenbrauen begleitet. Sie sei Überzeugt, wenn sie einen der Gedanken behalten würde, wären ihre Anfälle gelöst.

Ihr Mann Julius versuchte anfangs ihr mit verschiedenen Mitteln und Empfehlungen zu helfen, erkannte schnell seine Grenzen und empfahl sie an Fachkollegen.
Diese versuchten es mit den damals üblichen Methoden. Sie verschrieben ihr wärme Bäder um die Nerven zu ernüchtern, verabreichten ihr Kokain um die Nerven zu beschleunigen, Opium um sie zu beruhigen, doch nichts half ihren Zustand zu verbessern.

1895 wurde ihr ein Nervenarzt aus Köln, Dr. Dröf (1841-1923), empfohlen. Dr. Helmut Dröf war in Kollegenkreisen sehr umstritten da er sehr moderne Ansichten vertrat. Er korrespondierte mit einem gewissen ebenfalls umstrittenen Dr. Freud (1856-1939) aus Wien. Wie dieser war er der Meinung, dass dem inneren Erleben des Menschen mehr Beachtung entgegen gebracht werden muss, da die sichtbaren Handlungen vom Innenleben stark mit bestimmt seinen. Im Gegensatz zu Dr. Freud, der auf Sprachkuren setzte, beharrte Dr. Dröf darauf, dass es die Aufgabe von Gerätschaften sein das Innere sichtbar zumachen. Ihm schwebte ein Art Röntgengerät der Gedanken vor.

Dr. Dröf beobachtete bei sich, wie bei seinen Patienten, dass plötzliche Einfälle, die sofort wieder vergessen werden, kleine Zuckungen auslösen. Er, ein großer Freund der Elektrizität, entwickelte nun die Theorie, dass Elektrische Entladungen die Zuckungen auslösen würden und baute einen Gedankenblitzelektrographen den er bereits 1989 als medizinisches Patent angemeldete hatte.
Es waren Kopfkäfigen die wie ein umgedrehter Faraday’scher Käfig funktionierten und kleinsten elektrische Ladung auffangen konnten. Dieser elektrische Impuls ließ er mittels eines Eisendrahtes ableiten und zur Entladung bringen. Anhand des nun eingeschlagenen Elektroblitzes konnte Dr. Dröf entziffern was sich der Patient gerade dachte und so den verlorenen Gedanken wieder verfügbar machen.

Bei Monika Gertenbauer ward dies Gerät erstmal erfolgreich eingesetzte. In 25 genau protokollierten Sitzungen konnte Dr. Dröf acht Entladungen einfangen und anhand der Schmauchspuren entziffern was Frau Gertenbauer sich gerade dachte. Er konfrontierte sie mit ihren eigenen nicht zugelassenen Gedanken, mit dem sich ständig wiederholten Gedanken wie sie ihrer als eng empfundenen Ehe entfliehen könnte.

Monika Gertenbauer brach die Behandlung bei Dr. Helmut Dröf ab, verließ ihrem Mann und zog für 14 Monate vorübergehend in dies Haus in Memmingen, zu entfernten hilfreichen Verwandten. Danach ging sie nach Basel, arbeitet in einem Kinderheim und gründet 1916 den ersten anthroposophischen Kindergarten, in Dornach. Sie korrespondierte regelmäßig mit Bertha Pappenheim (1859 – 1936) und war mit ihr freundschaftlich verbunden. 1944 starb sie in Dornach und liegt auf dem anthroposophischen Friedhof begraben.

Dr. Helmut Dröf veröffentliche 1900 diese Erfolgsgeschichte in den „Kölner Medizinischen Monatsblätter“ unter den Titel: „Von eingeschlagenen Gedankenblitzen und deren Erklärung im Fall Frau A.“. Sein Gerät setzte sich in der Nervenheilkunde nicht durch. Dr. Berger (1873 - 1941) der Entdecker des Elektroenzephalogramm (EEG) beschreibt in seinen Memoiren wie hilfreich die Forschungen von Dr. Helmut Dröf für ihn waren.



Litreratur:

B. Volter, Zur Geschichte der Elektrifizierten Medizin, Köln 1998
L. Fieler, Der „Fall Frau A.“ und die Emanzipation der Frau, Wiesbaden 1978