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13 Beiträge zur Memminger Geschichte - eine Intervention

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In diesem Fugger Haus fanden im Frühjahr des Jahres 1501 Verhandlungen zwischen der Vereinung der Hansestädte und der Kaufmannsfamilie Fugger statt oder über Inkompatibilität



1494 wurde das Hansekontor im russischen Nowgorod durch Zar Iwan III. geschlossen. Dies war für die Hanse ein herber und großer wirtschaftlicher und symbolischer Verlust. Nowgorod war der wichtigste Pfeiler des gesamten Osthandels der Hansestädte, dieses Kontor zu verlieren, öffnete auch den letzten Optimisten der Hansestädte die Augen, die bisher nicht sehen wollten, dass zur Rettung der Hanse neue Wege gefunden werden mussten. Seit 60 Jahren gingen immer mehr Kontore durch landesherrliche Ansprüche verloren, die Geschäfte gingen nicht mehr wie früher, die Handelswege verlagerten sich.

Jakob Fugger (1459 – 1525) stieg, nachdem er eine Priesterausbildung abgeschlossen hatte, in die väterliche Firma ein. Bald verdrängte er seinen Bruder Ulrich von der Geschäftsleitung. Er stieg groß in den Erzhandel ein, besaß bald das Kupfermonopol in Europa und beherrscht den Textilhandel. Er erwirtschaftete ein bis heute unvorstellbares Vermögen, bezahlte komplette Kriege und kaufte sich Könige wie Reichtage, die er abhielten ließ.

Ein eilig einberufener kleiner Hansetag beschloss, dass mit der immer mächtiger werdenden Kaufmannsfamilie Fugger in Augsburg verhandelt werden solle mit dem Ziel einer Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil.

Im Frühjahr des Jahres 1501 kam auf Vermittlung des Brabanter Kaufmanns Jan Bachx (1458 – 1510) (siehe Tafel 12) eine Abordnung von fünf Kaufleuten der Hansestädte in Memmingen an. Jakob Fugger empfing weder selbst noch in Augsburg, sondern hier in Memmingen, weil er die Gespräche nicht als Verhandlungen begriff, sondern als Sondierungsgespräche, die er prinzipiell an anderen Niederlassungen führen ließ.

Hendrik Sudermann aus Lübeck leitete die Delegation der Hanse. Die anderen Teilnehmer waren Michel Christiansen aus Hamburg, Diether Kolbo aus Köln, der Finnländer Jupp Gangstø aus Bergen und der Gotländer Åke G. Sjöberg aus Visby.
Die Fugger wurden von ihrem 2. Sekretär Nikolaus Schäble vertreten. Er verfasste einen täglichen Bericht, der mit Eilboten nach Augsburg geschickt wurde.

Die Verhandlungen gestalteten sich als sehr schwierig.

Schon die Tatsache, dass die Hanseabordnung nicht in Augsburg empfangen wurde, beleidigte diese sehr. Waren sie denn nicht seit Jahrhunderten die größte Handelsmacht des Nordens? Und warum schickte man ihnen nun den 2. Sekretär, wusste man hier nicht, wer sie waren? Die Erklärung, dass dieses Verfahren ein übliches bei Jakob Fugger sei, dass er sich nur mit abschließenden, erfolgreichen Verhandlungen beschäftige, kränkte sie noch mehr und die versprochene Gewissheit, dass Jakob Fugger täglich über die Gespräche informiert werde, sahen sie als Ausrede und Brüskierung an.

Nikolaus Schäble irritierte seinerseits, dass er es mit fünf Personen zu tun hatte und alle fünf das Sagen hatten, dass alle Fünf die gleichen Entscheidungsbefugnisse besaßen. „Wie können Fünf mit einer Stimme reden, und da jeder Kaufmann mit zwei Zungen redet, habe ich es hier mit 10 zu tun?“ fragte er sich. Die Erklärung, dass sie eine Städtepartnerschaft auf gegenseitiger Solidarität seien, in der keiner das Geschäft des anderen störe, im Gegenteil, jeder betreibe in Gemeinschaft mit den anderen sein eigenes Geschäft, verstand er zwar, aber wie das funktionieren solle, da ja jeder Kaufmann seinen Vorteil auf Kosten des anderen bekommt, konnte er nicht nachvollziehen.

Nach 34 Tagen wurden die Verhandlungen abgebrochen.
Über den genauen Verlauf oder Inhalt der Gespräche ist nichts bekannt, da neben der strikten Geheimhaltung auch ein verschärftes Schweigegebot Voraussetzung für die Verhandlungen waren.

Die heutige Wirtschaftsforschung geht davon aus, dass die Organisation der Hanse mit dem Finanz- und Wirtschaftsimperium Fugger nicht kompatibel war, aber nicht nur organisatorisch, sondern primär mental. Beide begegneten sich in der Grundstimmung gegebener Macht, wobei jeder davon ausging, der andere habe sich ihm unterzuordnen. Die Hanse repräsentierte eine Wirtschaftsmacht, die sich auf eine Tradition seit dem 11. Jahrhundert berufen konnte und die Fugger konnten auf ihre Fähigkeiten verweisen, durch geschickte Geschäftsführung die Konkurrenz auszuschalten und ein Monopol aufzubauen. Solidargemeinschaften kannte das patriarchalische System Fugger nicht, diese waren aber die Grundlage des Hansebundes. Man könnte auch sagen, Fugger repräsentierte den modernen Kapitalismus und die Hanse die alte Solidargemeinschaft.

Das einzige, was heute auf die Verhandlungen verweist, ist ein kleiner Sack Pfeffer, den der Hamburger Kaufmann Michel Christiansen als Gastgeschenk Nikolaus Schäble überreicht hatte. Er befindet sich heute in einer privaten Fuggersammlung in Augsburg.

Literatur:
F. H.Wißner, Die Fugger in ihrer Zeit, Augsburg 2002.
J. Huber, Pfeffersäcke im Allgäu, Augsburg 1990.
P. Dollinger, Die Hanse, Stuttgart 1989.
K. Briller, Produktive und unproduktive Kommunikationsstrukturen, Karlsruhe 1985.