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13 Beiträge zur Memminger Geschichte - eine Intervention

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In diesem Haus entwickelte Mathias Gotthilf Lauphner Ende des 16. Jahrhunderts die Schlitzohr-Chirurgie, seitdem wird M. G. Lauphner auch „Vater der Schönheitschirurgie“ genannt


Bei einer Reichsrechtsuntersuchung stellte man 1485 fest, dass viele Übeltäter, Schurken und Ganoven, nachdem sie ihre gerechte Strafe regional abgebüsst hatten, weiterzogen und in anderen Städten und Gegenden, in denen man sie noch nicht kannte, ihr Übelspiel weiter betrieben. Auf Grund dieser Erfahrung ging man immer mehr dazu über, dieses Gesindel zu brandmarken oder ihr Ohrläppchen mit einem oder mehreren Schlitzen aufzuschneiden. Dadurch waren sie gezeichnet und für jedermann erkennbar. Begegnete man einem solchen Schlitzohr, wusste man sofort, mit wem man es zu tun hatte: mit einem Gesellen, der nichts Gutes im Schilde führte.

Diese Methode war bei der christlichen Seefahrt schon Jahrzehnte lang sehr erfolgreich und disziplinierte enorm. Den aufsässigen Matrosen wurde ihr goldener Ohrring aus dem Ohrläppchen herausgerissen. Der Ring, der ihnen nach einem eventuellen Ertrinken und ihrem anonym an einen Strand gespülten Körper ein christliches Begräbnis garantieren sollte, wurde ihnen weggenommen. Ohne einen Ohrring jedoch wurde der Körper am Strand verscharrt. So ein Schlitzohr konnte auf keinem ehrlichen Schiff mehr anheuern.

Diese erfolgreiche Bestrafungsart verbreitete sich bald in den freien Städten des Nordens. Betrüger, Schwindler und falsche Prediger wurden auf diese Art und Weise bestraft, „damit man sie in anderen Städten zuallererst als solche erkenne“.

Je südlicher man kam, umso unüblicher wurde diese Bestrafungsart. Es gab eine natürliche Schlitzohrgrenze. Nördlich des Mains wurde sie häufig verhängt, südlich des Flusses selten bis nie.

Die Gegner dieser Strafe argumentierten, dass es auch zu Verletzungen des Ohres kommen könne bei einem Arbeitsunfall, z.B. beim Holzmachen oder beim Pferde Beschlagen. In einer von 1488 datierten Schrift werden 56 Möglichkeiten, das Ohr zu verletzten, beschrieben. Wie solle man da den Braven vom Bösen unterscheiden können, ohne einem Braven Unrecht zu tun? Da man aber einem Üblen nicht Unrecht tun könne, solle man ihn, der Gerechtigkeit wegen, doch gleich besser hängen.

Mathias Gotthilf Lauphner, 1475 in Lindau geboren, gelernter Bader, niedergelassen in Memmingen, spezialisierte sich auf Hautverletzungen, die er mit frischem Katzendarm kunstvoll zusammennähte oder auch mit Harzklebungen so meisterhaft fixierte, dass nach der Heilung nicht einmal mehr eine Narbe sichtbar blieb. Diese Kunst beherrschte er so gut, dass er schon der Hexerei angeklagt war, aber als sich dann herausstellte, dass der Kläger nur seine Rechnung nicht bezahlen wollte, wurde die Anklage fallen gelassen und der Kläger verurteilt.

Memmingen war stolz auf ihren berühmten Bader. Von überallher kamen Menschen, um sich von Mathias Gotthilf Lauphner behandeln zu lassen.

M. G. Lauphner verschönerte nicht selten auch die in die Jahre gekommenen Bürgersfrauen, aber seine Haupttätigkeit blieb das Verschließen von Wunden und Verletzungen, besonders die am Ohre. Da es aber verboten war, Schlitzohren zu reparieren, mussten die betroffenen Personen ein notariell beglaubigtes Schreiben vorlegen, aus dem eindeutig hervorging, wie die Ohrverletzung zustande gekommen war.

Memmingen beschäftigte in dieser Zeit die meisten Notare aller süddeutschen Städte. M. G. Lauphner beschäftigte zwölf Assistenten bei ausreichendem Lohn, die sich nach sieben Lehrjahren selbst niederlassen konnten und die Kunst der Verschönerung verbreiteten, bis sie in heutiger Zeit zu einem eigenen Zweig der Medizin geworden ist. So ist Memmingen die Wiege der Kunst, Hautverfehlungen zu korrigieren.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein sagte man in Deutschland, wenn man jemandem nicht ganz traute: „Du bist wohl über Memmingen gekommen“ oder zu jemandem, der sich reinwaschen wollte: „Jetzt gehst du aber über Memmingen“.



Literatur:
B. Wagner, Zur Geschichte der feinen Fäden, Olching, 1953.
M. Hiller, Der Verschluß der Wunden, Berlin, 1999.
N. Nigell, Vom Schlitzohr - Von den Anfängen der Schönheitschirugie, Nürnberg, 2001.
K. Joller, Strafen und körperliche Unversehrthei, Osnabrück, 1975.
U. Sach, Was Städtenamen aussagen, Ulm, 1973.