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13 Beiträge zur Memminger Geschichte - eine Intervention

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Die Werft und Reederei Rickmers beherbergte in diesem Haus
von 1854 bis 1891 ein Ankaufkontor für schiffsfähiges Holz
oder
wie der in der Schiffsingenieurskunst international gebräuchliche Begriff „Mewood“ entstand


Als 1886 Andreas und Peter Rickmers die Reederei ihres am 27.11. verstorbenen Vaters übernahmen, ging in Memmingen ein jeder davon aus, dass nun die Holzeinkaufsniederlassung der Bremerhavener Rickmers Werft geschlossen werden würde.

1854 wurde auf Geheiß Rickmer Clasen Rickmers in Memmingen ein eigenes Büro eröffnet, das zur Aufgabe hatte, Holz für Schiffsmasten aufzukaufen. Memmingen und seine Umgebung, das Allgäu mit seinen Wäldern, war bekannt für starke, große Bäume, die ideal für den Schiffsbau eingesetzt werden konnten für besonders anspruchsvolle Aufgaben, wie z. B. für Schiffsmasten, Rahen, Gaffel etc..
Indem R.C. Rickmers sein eigenes Holzeinkaufsbüro in Memmingen eröffnete, umging er einerseits den Zwischenhandel, was bei den Mengen an Qualitätsholz, die er brauchte, eine Menge Geld ausmachte, andererseits hatte er Zugriff auf jedes neue Angebot des auf dem hiesigen Markt gelangten Holzes.

Berühmte Schiffe wie die Bremer Bark "Peter Rohland" oder das Vollschiff "Edda Rickmers" mit ihren drei Masten hatten Masten und Querleger aus Memminger Holz.

R.C. Rickmers Söhne Andreas und Peter waren der modernen Zeit verpflichtet und plädierten für Schiffe mit metallenem Rumpf, für Schiffe, bei denen der Holzanteil immer geringer wurde, die sich besser pflegen ließen und weniger anfällig für Reparaturen waren. Als nach langer Krankheit Rickmer Clasen Rickmers starb und die beiden Söhne die Werft übernahmen, erwartete also ein jeder, dass das Büro in Memmingen abgewickelt werden würde.
Die Söhne bauten auch sogleich Schiffe mit metallenen Rümpfen und Masten mit geleimtem Holz, aber sie verarbeiteten weiterhin Holz aus Memmingen, wenn auch in immer geringeren Mengen und hielten das Büro noch besetzt. Das Holz aus Memmingen wurde im internen Gebrauch Me-Holz genannt, um den langen Namen Memminger Holz abzukürzen. Es wurde Tradition, dass in jedem Schiff auch Me-Holz zu finden war, selbst als die technische Entwicklung nicht mehr auf die gerade gewachsenen Bäume um Memmingen angewiesen war.

Selbst als die Reederei Schiffe in fremden Werften in Auftrag gab, wurde anfangs darauf geachtet, dass auch irgendwo Me-Holz verwendet wurde. 1890 schloss man dann doch das Büro in Memmingen und bezog die inzwischen kleineren Mengen über den Vertragsholzhändler Merk aus Attenhausen.

Alle Seefahrer neigen sehr zum Aberglauben, weil sie es ständig mit nicht abschätzbaren und nicht zu beherrschenden Naturgewalten zu tun haben und im Aberglauben eine Erklärung des Unerklärlichen gesucht wird.
Am 18. Dezember 1891 lief die Maria Rickmers, eine Fünfmastbark, ein Großsegler mit fünf Masten, der weltweit zweite dieser Größe, auf der Werft von Russell & Co., Glasgow, Schottland, für die Rickmers Reismühlen, Reederei und Schiffbau AG, Bremerhaven, vom Stapel. Es war ein gewaltiges Schiff. Die 6000 Tonnen Ladefläche der Maria Rickmers waren damals weltweit einzigartig, sie hatte einen 759 PS starken Motor und konnte so selbst bei Windstille mit 8 Knoten in der Stunde fahren. Sie war der neue Stolz der gesamten Reederei.

Diese Maria Rickmers, die noch heute eine Legende der Schifffahrt darstellt, machte nur eine Fahrt. Sie verschwand auf ihrer Jungfernfahrt auf der Rückreise, vollgeladen mit 57.000 Säcken Reis, im Indischen Ozean. Das letzte Lebenszeichen des Schiffes war ein Signal nach Anjer Point am 24. Juni 1882.
Es bildeten sich sofort Gerüchte und Legenden um das Verschwinden des bewunderten Fünfmasters. Eine der Legenden war, dass dies das erste Schiff der Rederei Rickmers sei, in dem kein Me-Holz verbaut worden war.

Von Schiff zu Schiff, von Matrose zu Matrose, von Ingenieur zu Ingenieur verbreitete sich das Gerücht und aus dem Memminger Holz, dem Me-Holz, wurde das englische „mewood“, über das alles sprach und munkelte. Es bildete sich die Legende, dass in allen Schiffen, und seien sie nur aus Metall gebaut, immer auch ein Stück Holz mit verarbeitet werden müsse, wo auch immer und sei es nur am Handlauf einer Treppe. Dieses Holz nannte man „mewood“, ohne die Herkunft des Wortes zu kennen. Es hieß, wenn man „mewood“ nicht mit verbaue, sei es ein sehr schlechtes Omen für das Schiff, es würde ihm ähnlich ergehen wie der Maria Rickmers. Diese Legende ist dafür verantwortlich, dass bei allen Schiffen bis heute, selbst bei U-Booten, ein Stück Holz mit verarbeitet wird. Dieses eingebaute Holz nennt man in der Schiffssprache weltweit bis heute „mewood“, wobei kaum noch jemand über die Herkunft und die Geschichte des Begriffes Bescheid weiß.

Literatur:

G: Tillier, Grosse Fahrt mit gutem Holz. München, 1967.
U. Tilde, Geschichte der Bremerhavener Werften. Bremen, 1974.
L. Goppert, Gerade Masten, Starke Winde. Hamburg, 1978.
M. Willim, Das Rah und andere Segel. Kreuzberg, 1999.
P. Kempin, Besonderheiten der Schiffsingenieurskunst. Berlin, 2002.