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TraumabgabestelleVon Traumabgabestellen

 

Maria K. hat sich nach monatelangem Hin und Her, nach vielen Gesprächen mit Freudinnen und Freunden entschlossen, ihren immer wieder auftauchenden Traum abzugeben. Diesen Traum träumte sie immer wieder und er stürzte sie jedes Mal in grüblerische Verwirrung. Es war nicht einfach, diesen Schritt zu machen, um eine dieser Traumabgabestellen aufzusuchen, um sich beraten zu lassen, was sie mit ihrem, mit diesem komischen, sie behindernden Traum anfangen solle. Sie suchte sich eine Frau aus. Dr. Gerda H. Mayer, eine erfahrene Traumabnehmerin, Mitglied im DTAS. Pünktlich und sehr nervös erschien sie zum vereinbarten Termin, zum Traumabgabetermin.

In einem ersten längeren Gespräch wurden ihr die Möglichkeiten erklärt, wie sie ihren Traum abgeben könne und was mit ihrem Traum gemacht werden kann. Er könnte für immer abgegeben werden, oder nur vorübergehend hinterlegt, sie kann ihn freigeben für andere, die nicht träumen, die Träume suchen und genau ihren Traum gern träumen würden, sie könne im Gegenzug einen anderen eintauschen. Sie könne ihn auch mit einem Rückgaberecht versehen, oder ihm ein Verfallsdatum zuweisen, oder, darauf machte sie die Traumbetreuerin auch aufmerksam, sie hätte auch die Möglichkeit einer Traumeliminierung.

Am Ende des 50 minütigen Gesprächs entschloss sich Maria K. ein Traumdepot einzurichten, in dem sie ihren, diesen, ihren ersten abgegebenen Traum, lagern könne. Gerda H. Mayer erwähnte, dass die Art ihres jetzt abzugebenden Traumes so beschaffen sei, dass er, sehr wahrscheinlich, von einem neuen, anderen, dem jetzigen aber ähnlichen Traum ersetzt werden würde. Ein Traumdepot, in dem sie ihre laufenden Träume abgeben könnte, hätte den Vorteil eines Traumvergleichs, ein solches Traumdepot ermöglichte einen Traumüberblick und sie könne später immer noch entscheiden, welche ihrer Träume eliminiert werden sollten, oder welche sie wieder zurück haben möchte.

Schon immer wurde dem Träumen besondere Bedeutung zugemessen, hellseherische Kräfte zugeteilt. Joseph prophezeite aus Pharaos Träumen sieben üppige Ernten und sieben magere und verhalf dadurch Ägypten zu einer großen wirtschaftlichen Macht. Viele Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen erkannten und erklären aus ihren Träumen die Welt und die Zusammenhänge mit Gott. Traumdeutungsbücher finden wir nicht nur in Babylon und im alten Ägypten, in allen Kulturen sind sie anzutreffen. Man versuchte die Traumbilder zu katalogisieren und ihnen eine überpersönliche Bedeutung zu geben. Die Willkür des Traums zu bremsen war das Ziel, sowie dem scheinbar Unsinnigen des Traums einen Sinn zu geben. Dem wilden Traum wurden Grenzen gesetzt, indem man ihm eine Zweitwelt zuwies, deren Gesetze man bestimmte. In diesem geschaffenen Raum wurden die Träume als Weissagungen, als tiefe Einsicht, als mit den Göttern verbunden gesehen und gezügelt. Die Angst war gebannt und zum Positiven gewendet.

Anfang des letzten Jahrhunderts war es dann so weit, es etablierten sich die ersten Traumabgabestellen. Diese sahen den Traum als das, was er ist, als Traum des Träumenden. Der Traum wurde als ganz individuelles Geschehen begriffen, als etwas, was nur mit der, mit dem Träumenden tun hat. Jeder Mensch träumt seinen ureigenen, leibhaftigen Traum, der nichts, aber schon gar nichts über andere oder etwas anderes, als über den Träumenden selbst aussagt. Selbst der völlig Fremdbestimmte träumt seine eigenen Träume. Jeder träumt den ureigenen Traum und ist für diesen selbst verantwortlich in dem Sinne, dass er ihn nicht auf andere abwälzen kann, ihn nicht anderen unterstellen oder ihn als ihm aufgezwungen ansehen kann.

Es gibt natürlich Traumverweigerer. Davon gibt es zwei Sorten. Die einen, die Traumleugner wollen mit ihren Träumen nichts zu tun haben, sei es, dass sie auf ihre Träume keinen Wert legen, oder dass sie ihnen misstrauen, sie lästig finden, oder dass sie von ihren eigenen Träumen so geängstigt werden, dass sie mit ihnen nie und nimmer etwas zu tun, mit ihnen nichts gemeinsam haben wollen. Die andern Traumverweigerer, die Traumverschweiger träumen sehr viel, nur, sie weigern sich, anderen ihre Träume zu erzählen, mitzuteilen, weil sie ihre tiefe Eigenheit im Traum nicht preisgeben wollen, weil sie, wenn sie von ihren Träumen erzählen, glauben, ihre Individualität aufzugeben, sich Traumeinmischungen aussetzten, Deuteleien als Enteignung ihres ureigenen Traumes empfinden. „Was gehen andere meine Träume an?“

Es gibt natürlich auch die Traummeister, die ständig von ihren Träumen erzählen, die Traumstolzen. Wenn man zufällig zwei Traummeister zusammen trifft, dann meint man einer Traumweltmeisterschaft beizuwohnen, so viel Träume purzeln aus ihren Gedächtnissen, von so viel Sonderbarem wird dann erzählt, von so viel Unwahrscheinlichem wird berichtet, dass ein Normalträumer, ein Durchschnittsträumer, verwundert seinen Kopf schüttelt und in einer kurzen Pause vielleicht den Mut hat, einen seiner inzwischen geträumten Neidträume einzuwerfen.

Für all diese Träume sind die Traumabgabestellen zuständig. Schon bald nach ihrer Gründung verbreiteten sie sich in den Großstädten der Welt und sind heute in verschiedenen nationalen und internationalen Verbänden zusammengeschlossen, halten Traumtagungen ab, unterhalten Traumperiodika, in denen die neuesten Forschungen über den Traum und über deren Sortierung und Einordnung berichtet wird. Fachverlage geben Bücher heraus, mit Titeln wie: „Wohin mit Zwangsträumen?“, „Über die Traumvergessenheit“, „Das Leben in vermeintlich fremden Träumen“, „Bedürfen Tagträume eines eigenen Archivs?“, „Die Traumklappe. Über die anonyme Abgabe von Träumen“, „Die Traumangeber“, „Das Problem der Leihträume“ etc.

In den Traumabgabestellen wird grundsätzlich nicht zwischen guten oder schlechten, wichtigen oder unwichtigen, zwischen bedeutsamen oder unbedeutenden Träumen unterschieden, sie werden nur entgegengenommen und nach den Wünschen der Traumabgeber, nach den Wünschen der Träumenden abgelagert, zwischengelagert, gesammelt und unter keinen Umständen einer Bewertung zugeteilt.

Dadurch, dass in den Traumabgabestellen Träumen eine so zentrale Rolle gegeben wird, ja dass die Traumabgabestellen nur wegen der Träume existieren und dass diese‚ die Traumabgabestellen, die Räume der höchsten Individualität sind, und diese dort sehr ernst genommen werden, sind die Traumabgabestellen totalitären und autoritären Systemen suspekt, ein Dorn im Auge. Was geschieht denn dort in den Traumabgabestellen, welche Ziele haben die eigentlich, was machen die eigentlich mit den sortierten Träumen, welchen Effektivitätsprüfungen unterliegen diese Stellen eigentlich, wie und nach welchen Kriterien werden die eigentlich evaluiert? Der Traum als Hüter des Individuellen wird von einigen als Mythos der Moderne angesehen. Meist von Traumverweigern der ersten Kategorie.

Maria K. gab nun regelmäßig ihre geträumten Träume an der Traumabgabestelle der Gerda H. Mayer ab und mit der Zeit sammelte sich eine beträchtliche Anzahl von Träumen an. Sehr langsam erkannte sie, dass ihre Träume immer um ein ähnliches Problem kreisten und mit der Zeit konnte sie mit den verwirrenden Träumen angstloser, einvernehmlicher, manchmal sogar spaßig umgehen. Nach vielen Anläufen löste sie ihr Traumdepot schließlich auf und nahm sämtliche abgelegten Träume wieder mit. Sie wollte sie dort nicht einfach liegen lassen, sie gehörten ja nun ihr, zu ihr.

Ihr ging es so wie vielen Träumenden der Traumabgabestellen. Zuerst kommen die meisten, um ihre Träume loszuwerden, sie nie mehr zu sehen, -weg, weg, nur weg-, aber dann, nachdem sie ihre Traumsammlung angeschaut haben, sie genau betrachtet, sortiert, eingeschätzt haben, wollen die meisten ihre gesammelten Träume wieder zurück. Nur selten wird die Eliminierung der Träume verlangt. Warum denn auch, wenn man mit ihnen jetzt umgehen, mit ihnen Leben kann?

 

Literatur:
S. Freud, Die Traumdeutung, Wien 1900
M. Reich, Aus der Traum. Die Eliminierung, Luzern 1934
R. Möchlig, Der Traumstolz, Stuttgart 1967
Z. Müller, Das überlaufende Traum-Depot, Heidelberg 1996
T. Gellert, Die Geschichte der Traumabgabestellen, Hamburg 1997
P. Puder, Die Suche nach dem richtigen Traum, Berlin 1999
M. Schredl: Traum, München, 2008